Übereinkommen zwischen Stadt Wien und ÖBB bringt am Nordwestbahnhof 10 Hektar Grünraum, 5.000 Arbeitsplätze, 6.500 Wohnungen uvm.

Wiener Stadtregierung und ÖBB haben heute die Pläne für das Nordwestbahnviertel, das alle Stärken des Wiener Modells sichtbar macht, präsentiert

Wo heute noch Lastkraftwägen zwischen Lagerhallen und Bahngleisen brummen und Busflotten neben Großhandelslagern parken, werden schon bald Kinder herumtollen und Wienerinnen und Wiener flanieren, rasten, mit dem Rad fahren oder einkaufen gehen.

Auf dem Gelände des 44 Hektar großen Nordwestbahnhofs in der Brigittenau, der eine bewegte Geschichte vorzuweisen hat und der der Stadt bis heute als Fracht- und Güterbahnhof dient, entsteht ein neuer Stadtteil. Rund 5.000 WienerInnen werden hier einen neuen Arbeitsplatz finden und rund 16.000 ein neues Zuhause. Auf einer Gesamtfläche, die so groß wie 60 durchschnittliche Fußballfelder ist und die nur unweit von der geographischen Mitte Wiens am Augartenspitz entfernt liegt, entsteht überdies auch neuer Grünraum in der Größe von zehn Hektar.

Die Stadt Wien und die ÖBB haben jüngst ein entsprechendes Übereinkommen getroffen, das die Wiener Stadtregierung und ÖBB-Infrastruktur-Chefin Silvia Angelo heute zum Anlass genommen haben, um das Areal zu besichtigen.

Der Nordwestbahnhof ist das größte noch verbliebene innerstädtische Entwicklungsgebiet und seine Neugestaltung wird die gesamte Insel zwischen Donaukanal und Donau, auf der sich der 2. und der 20. Bezirk befinden, enger miteinander verbinden, für die Bevölkerung öffnen und durch mehr Grünraum nachhaltig positiv entwickeln. Die mehr als 1,5 Kilometer lange und 400 Meter breite Barriere zwischen Augarten und Dresdner Straße, die die Brigittenau bis heute in zwei Teile trennt, wird damit aufgehoben.

Ludwig: Areal vereint alle Stärken Wiens

„Wien und die ÖBB haben jüngst ein Übereinkommen getroffen, dass die Stadt das Areal gemeinsam mit dem Eigentümer ÖBB und mit Bauträgern und Investoren entwickeln wird. Zeitlich gestaffelt werden etwa neue Öffi-Verbindungen, großzügige Grün- und Erholungsflächen, eine ‚High Line‘ zur Donau, Bildungseinrichtungen, Büros, Handels- und Dienstleistungsbetriebe, vier Hochhäuser, und insgesamt rund 6.500 Wohnungen entstehen. Das entspricht einem Wohn-Anteil von mehr als 70 Prozent der verbauten Fläche“, freut sich Bürgermeister Michael Ludwig über diesen neuen Stadtteil, in dem sich alle Stärken des Wiener Modells vereinen.

Durch die Gestaltung neuer, attraktiver Stadtentwicklungsgebiete habe die Stadt Wien in dankenswerter Gemeinsamkeit mit den ÖBB jüngst mehrfach gezeigt, etwa im Sonnwendviertel beim Hauptbahnhof oder aktuell im Nordbahnhofviertel, wie man die Herausforderungen einer wachsenden Metropole im Herzen Europas sozial, umsichtig und vorausschauend bewältige, so Bürgermeister Ludwig weiter.

Hebein: Verbindung von Klimaschutz und sozialem Zusammenhalt

„Das Projekt ist ein Beispiel dafür, dass Klimaschutz und soziale Fragen eng verknüpft sind und nur gemeinsam gelöst werden können. Hier am Nordwestbahnhof entsteht ein unverwechselbarer neuer Stadtteil, der genau diese beiden wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit in den Mittelpunkt stellt und leistbares Wohnen, sozialen Zusammenhalt und Klimaschutz miteinander verbindet. In der Planung werden Konzepte für Klimawandelanpassung, nachhaltige Mobilität, die Förderung der Kreislaufwirtschaft und viel Platz sowie Grünraum für die Bewohnerinnen und Bewohner wichtige Eckpfeiler sein“, freut sich die für Planung zuständige Vizebürgermeisterin Birgit Hebein: „Entwicklungsprojekte sind nicht nur Innovationstreiber, sondern auch ein zentraler Wirtschaftsmotor der Stadt. Allein durch Investitionen in Planung und Bau des Gebiets werden tausende neue Jobs entstehen“, so die Vizebürgermeisterin.

Damit diese Entwicklung gemeinsam mit der Bevölkerung erfolgen kann, eröffnet die Stadt Wien gemeinsam mit den ÖBB ein Info-Center, den Stadtraum am Nordwestbahnhof. Dort sind die Zielsetzungen und Planungen für das Gebiet im Rahmen einer Ausstellung und eines digital bespielten Modells erlebbar.

Angelo: Ein zukunftsweisendes Stadtentwicklungsprojekt

„Mit der Unterzeichnung des Infrastrukturübereinkommens zwischen der ÖBB und der Stadt Wien wurde ein weiterer wichtiger Schritt hin zur städtebaulichen Entwicklung des Nordwestbahnhof-Areals gemacht. Wir sind stolz darauf, dass wir hier auf unserem Gelände dieses zukunftsweisende Stadtentwicklungsprojekt mitgestalten dürfen, das tausenden Menschen Raum zum Wohnen und Arbeiten, Lernen und Erholen bieten wird. Herzlichen Dank an die Stadt Wien für die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit“, sagt Silvia Angelo, Mitglied des Vorstands der ÖBB-Infrastruktur AG.

Grüne Mitte und „High Line“ zur Donau

Als ganz besonderen Pluspunkt für die Entwicklung des Gebiets sieht das Übereinkommen die Übertragung eines zentral gelegenen, rund zehn Hektar großen Naturstreifens („Grüne Mitte“) durch die ÖBB an die Stadt Wien vor. Planmäßig wird auch die Erhaltung des bestehenden Eisenbahntragwerkes über die Hellwagstraße und die Stromstraße angestrebt, womit mit einer knapp zwei Kilometer langen „High Line“ eine direkte Fuß- und Fahrradverbindung vom Augarten bis zur Donau entsteht.

Kosten und Zeitrahmen

Die grob geschätzten Kosten für die Errichtung der städtischen Infrastruktur belaufen sich für die Stadt auf rund 220 Millionen Euro. (Die Kosten für die Errichtung eines modernen Bildungscampus und entsprechende Maßnahmen der Wiener Linien sind von dieser Kostenschätzung nicht umfasst.) Die ÖBB haben sich, wie auch bei anderen Bahnarealen, dazu verpflichtet, einen wesentlichen finanziellen Anteil zu übernehmen.

Der Start eines entsprechenden UVP-Verfahrens durch die ÖBB ist noch für diesen Herbst geplant. Nach Erhalt eines positiven UVP-Bescheids wird mit den Abbrucharbeiten begonnen und bis 2033 soll das Gesamtprojekt fertiggestellt sein. Die nähere Umgebung wird vor allem während der Abrissphase deutlich entlastet, weil das Abbruchmaterial größtenteils via Zug abtransportiert werden kann.

Hanke: Wichtige Unterstützung für Wirtschaft

„Dieses Projekt zeigt, wie wichtig Investitionen in Infrastruktur und damit in die Zukunft unserer Stadt sind. Mit jedem Euro leisten wir hier einen wichtigen Beitrag zur langfristigen Sicherung von Arbeitsplätzen. Und wir unterstützen den wirtschaftlichen Aufschwung und arbeiten aktiv an der Zukunft unserer Stadt, für die Wienerinnen und Wiener. Dieses Signal ist vor allem jetzt in diesem volkswirtschaftlich schwierigen Jahr sehr wichtig“, so Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke.

Gaál: Ein Musterbeispiel für Erfolg des Wiener Wohnbau-Modells

„Der neue Stadtteil am Nordwestbahnhof ist ein Musterbeispiel für das erfolgreiche Wiener Wohnbau-Modell. Um den Wienerinnen und Wienern auch künftig Zugang zu leistbaren und lebenswerten Wohnungen zu sichern, wird auf 60 Prozent der Wohnflächen städtisch geförderter Wohnraum entstehen. Dieser wird über den wohnfonds_wien und das bewährte Instrument der Bauträgerwettbewerbe entwickelt. Rund 1.300 der insgesamt 6.500 Wohnungen sind als neue Gemeindewohnungen geplant. Darüber hinaus sorgen wir mit einem durchdachten Erdgeschoßmanagement für ein lebendiges Miteinander und zusätzlich für beste Infrastruktur“, so Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál.

Czernohorszky: Nordwestbahnhof wird ein Bildungszentrum für Wien

Selbstverständlich werden auch die notwendige Bildungseinrichtungen – also Schulen und ein Kindergarten – für das neue Stadtgebiet gleich mitgeplant: So wird auch hier ein „Bildungscampus plus“ entstehen, also ein Gebäude mit Schulklassen und Kindergartengruppen, die miteinander den Tag verbringen und von- und miteinander lernen. Konkret sind ein Kindergarten mit zwölf Gruppen, eine Volksschule mit 17 Klassen und eine Mittelschule mit 16 Klassen vorgesehen.

„Der Campus soll zu einem sozialen Zentrum für den gesamten Stadtteil werden. Wir möchten das Campus-Areal für alle BewohnerInnen öffnen und überlegen gerade weitere Einrichtungen, die einen Mehrwert für die Bewohnerinnen und Bewohner des neuen Stadtteils mit sich bringen“, betont Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky.

Der neue Bildungscampus ist bereits Teil des zweiten großen Neubau-Paketes, das die Stadt im Vorjahr auf den Weg gebracht hat – es umfasst zusätzlich insgesamt neun weitere Bildungscampus-Standorte in ganz Wien. Am Nordwestbahnhofgelände wird aber auch eine neue AHS entstehen, ein entsprechender Vorschlag der Wiener Bildungsdirektion an das Bundesministerium sieht eine 36-klassige Schule vor, Details sind derzeit noch in Ausarbeitung.

Sima: Am Nordwestbahnhof ist die Zukunft zuhause

„Hier ist die Zukunft zuhause. Das Nordwestbahnviertel wird mit der neuen rund zehn Hektar großen Parkanlage eine Grünoase mitten im 20. Bezirk sein. Zentral wird auch die öffentliche Anbindung werden. Neue Öffi-Verbindungen werden die Bezirke Brigittenau und Leopoldstadt näher zusammenbringen. Auch ökologische Energieversorgung spielt im gesamten Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof eine wichtige Rolle. So werden die Gebäude mit umweltfreundlicher Fernwärme und Fernkälte versorgt, die direkt in Wien erzeugt wird. Photovoltaikanlagen versorgen die Gebäude mit Ökostrom vom eigenen Dach“, gibt Umweltstadträtin Ulli Sima einen Ausblick.

Kaup-Hasler: Wiedereingliederung in das kollektive Gedächtnis

Kultur und Wissenschaft sind auf dem Nordwestbahnhofareal bislang „nur“ als „Zwischennutzer“ vertreten: seit Sommer 2015 betreibt etwa der Verein „Tracing Spaces“ einen Projektraum. Als unabhängige interdisziplinäre Forschungsplattform konzipiert und produziert „Tracing Spaces“ Projekte, Ausstellungen, Publikationen und Vermittlungsformate zu den Themen Stadtforschung, Mobilität, Tourismus und Migration. Seit Juni 2020 leisten zudem Interventionen im öffentlichen Raum durch das Projekt „MUSEUM Nordwestbahnhof“ künstlerische Pionierarbeit in diesem Stadtgebiet. „Das aktuelle Bauvorhaben bietet nun die einzigartige Chance eine weitere Lücke in der kulturellen Nahversorgung der Stadt zu schließen“, erklärt dazu Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, die in ihrer Funktion als Wissenschaftsstadträtin hinzufügt: „Die Erschließung ermöglicht außerdem eine historisch korrekte und wichtige Wiedereingliederung des Nordwestbahnhofareals in das kollektive Gedächtnis der Stadt.“

Bewegte Geschichte

Der Nordwestbahnhof wurde im Juni 1872, noch unfertig, eröffnet. Die Fertigstellung der Halle erfolgte gerade noch rechtzeitig für die Weltausstellung 1873. Das seinerzeit viel beachtete Bauwerk im Stil italienischer Renaissance-Palazzi erinnerte an ähnliche Bahnhofsbauten in Paris.

Wichtige eingehende Güter waren in der k.u.k.-Zeit etwa Fisch aus der Nordsee, der täglich angeliefert wurde. Ebenso über die Nordseehäfen und in Folge über den Nordwestbahnhof kamen die ersten Südfrüchte wie Bananen nach Wien. 

Aus Einsparungsgründen sowie wegen der nach 1918 um zwei Drittel gesunkenen Fahrgastzahlen wurde am 1. Februar 1924 die Personenabfertigung im Nordwestbahnhof eingestellt und sämtliche Personenzüge der Nordwestbahn wurden vom Nordbahnhof aus geführt.

Die damit nicht mehr gebrauchte Bahnhofshalle wurde in der Ersten Republik für Ausstellungen und politische und sportliche Veranstaltungen genutzt. So gilt die Halle etwa als älteste bekannte Skihalle der Welt, in der man (auf Kunstschnee) Skifahren konnte.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland hielten Adolf Hitler und Joseph Goebbels am 9. April 1938, einen Tag vor der „Volksabstimmung über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“, in der Bahnhofshalle Propagandareden. In der Halle wurde auch die antisemitische Ausstellung „Der ewige Jude“ gezeigt, die die in Wien bereits begonnene Judenverfolgung begleitete. 

Durch alliierten Artilleriebeschuss wurde die Halle im April 1945 schwer beschädigt und das Empfangsgebäude wurde ab September 1952 schließlich abgetragen. An seiner Stelle stehen heute an der Taborstraße drei Wohnanlagen.

Foto: Copyright: PID/Markus Wache

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